Gokarna – Sirsi – Karwar – Kochi – ???

ENGLISH VERSION BELOW


Auszug aus dem Reisetagebuch (und Fotos):

„Wir sitzen in einem kleinen Restaurant im Bahnhof von Karwar. Eigentlich haben wir gerade Karten gespielt, aber dann wurden wir gebeten (oder gewarnt), aufzuhören, weil die Polizei kam und spielen wohl verboten ist. Natürlich haben nicht um Geld gezockt, aber das spielte für die Personen im Restaurant keine Rolle. Wie wir überhaupt hierhergekommen sind ist eine etwas dumme und unglückliche Geschichte.

Gestern waren wir noch in Gokarna. Am Morgen haben wir uns beim Frühstück von Daan und Tom verabschiedet und sind dann mit Clement & Piotr zum Half Moon Beach und weiter zum Paradise Beach gelaufen. Letzterer war wohl mal ein beliebter Ort für halböffentliche Parties mit einer Menge Drogen. Heute sieht man in der kleinen abgelegenen Bucht nur noch die Graffiti-bestückten Ruinen der von der Regierung zerstörten Gebäude, die hier einmal standen, und Schilder, auf denen steht, dass das Übernachten hier verboten ist. Und auch die Palmen und viele der Felsen sind bunt bemalt. Man kann sich vorstellen, wie es hier einmal war – und da wäre man gerne dabei gewesen. Außer uns waren am Strand noch ein paar Bauern mit ihren Ziegen, die das kleine Stück Land zwischen Meer und Berg bewirtschaftbar machten und mit und Karten spielten, trotz fehlender Englischkenntnisse Den Rest des Tages verbrachten wir mit schwimmen, Kendama spielen, Yoga und noch mehr Karten spielen im Dolphins, bis wir uns abends auf den Weg nach Gokarna machten, um unseren Nachtbus nach Mysuru zu nehmen. Erst am Tuktuk-Parkplatz sah ich aufs Ticket und bemerkte, dass der Bus schon um 17:00 Uhr gefahren war und nicht, wie wir beide im Kopf hatten, um 21:30 Uhr.

Dass wir vorher nicht einmal auf das Ticket geschaut hatten, um die Zeit zu überprüfen, erscheint noch dämlicher, wenn man bedenkt, dass wir den kompletten Vortag damit verbracht hatten, mit Tom und Daan schwimmen zu gehen, Monopoly zu spielen, zu lesen, eine Menge zu Essen und – wahrscheinlich den größten Teil der Zeit – das nächste Gericht auszuwählen, das uns die Köche des Dolphins zubereiten konnten. Ein wirklich großartiger Tag!

Wir liefen also von dort, wo das Tuktuk seinen Geist aufgab möglichst schnell zu dem Ticket-Office, wo wir die Fahrkarte gekauft hatten, in der Hoffnung, eine Lösung zu finden oder gar zu erfahren, dass auf dem Ticket lediglich eine falsche Uhrzeit steht. Beides wurde dank der geschlossenen Ladentür nicht erfüllt und wir machten uns schleunigst auf die Suche nach einem anderen Ticket-Office – schließlich wollten wir noch in dieser Nacht weiterreisen.

In einem Laden, der außer Fahrkarten noch Knoblauchschampoo und destillierten Kuh-Urin verkaufte, wurden wir fündig. Dem sehr netten Verkäufer gelang es, uns noch ein Ticket nach Bengaluru zu reservieren und – weil es zufällig das gleiche Transportunternehmen war – das abgelaufene Ticket umzuschreiben, so dass wir nur die Preisdifferenz zahlen mussten. Eine Sache, die man in einem Land wie Indien wohl am wenigsten für möglich halten würde und wir deshalb auch gar nicht erfragt hatten. Mit seinen telefonischen Überredungskünsten hatte sich der Verkäufer auf jeden Fall ein Trinkgeld verdient.

Damit fing das Abenteuer jedoch erst an. Wir liefen schnell zur Bushaltestelle – auf dem Weg habe ich in dem Buchladen meines Vertrauens noch zwei Bücher + 50 Rupien gelassen und dafür ein anderes mitgenommen, hammer Deal! – und stiegen kurz vor Abfahrt ein. Wir legten uns in das Doppelbett im Bus und dann ging es auch schon los. Der Fahrer ist dermaßen durch die Serpentinen in den Dschungel gerast, dass ich mich nach zwei Stunden dem Masala Dosa und Chapati durchs Fenster entledigen musste, das Doro kurz vor der Fahrt noch aus einem Restaurant mitgenommen hatte. Und das, obwohl uns der höchstens 10-jährige Assistent des Busfahrers beim Verstauen des Gepäcks selbstbewusst versicherte: „You will not have any problems.“ Also Doro kurz davor war, es mir gleich zu tun beschlossen wir, bei der nächsten Möglichkeit auszusteigen, anstatt die nächsten 11 Stunden noch mehr Magensäure auf Indiens Straßen zu verteilen.

In Sirsi wurden wir dann netterweise direkt an einem Hotel herausgelassen. Hier bekam das superprofessionelle Auftreten des 10-Jährigen einen kleinen Knacks, als er die schweren Rucksäcke nicht ohne Hilfe aus dem Bus bekam, was ihn sichtlich ärgerte.

Unglücklicherweise waren alle Hotels in der Nähe voll, so dass wir nachts um 11 völlig müde und ausgelaugt durch das vom internationalen Tourismus unberührte Sirsi liefen und nach Leuten Ausschau hielten, die nett genug aussahen, dass man sie nach einer Couch für die Nacht fragen konnte. An einer leeren Straßenkreuzung sind wir dann auf ein nettes junges Geschwisterpaar getroffen, das uns irgendwie helfen wollte. Kurze Zeit später kam zufällig (?) auch der Vater vorbei und er und sein Sohn nahmen uns auf ihren Motorrädern mit zu unterschiedlichen Gasthäusern, die aber alle bereits voll oder geschlossen waren. Also wir schon ernsthaft in Erwägung zogen, in irgendeinem Hauseingang zu schlafen, öffnete sich doch noch eine Tür und wir bekamen ein super Zimmer mit richtigen Matratzen auf dem Bett und einer Dusche, aus der ungesalzenes Wasser kam – zwei Dinge, in deren Genuss wir schon seit rund einer Woche nicht mehr gekommen waren.

Am nächsten Tag stellten sich zwei Fragen: Wo fahren wir jetzt hin? Und wo zur Hölle sind wir eigentlich? Die zweite ließ sich mit Hilfe einer Karte schnell klären, doch die Beantwortung der ersten gestaltete sich ausgesprochen schwierig. Wo es keinen Tourismus gibt, gibt es auch kein Touristenbüro. Und wo es kein Touristenbüro gibt, ist es schwierig an Informationen über Zug- und Busverbindungen zu kommen.

Irgendwann fanden wir dann doch jemanden, der Englisch konnte und uns mit dem für uns relevanten Wissen versorgen konnte. Das bestand in erster Linie daraus, wo der nächste Anschluss an das Schienennetz liegt. Weil wir mit den bisherigen Busfahrten nicht so viel Glück hatten, beschlossen wir, zum nächsten Ort mit Bahnhof zu fahren und dann weiter zu sehen. Wohin wir letztendlich fahren wollten, stand immer noch offen. Wir schnappten uns also unsere Rucksäcke und setzten uns im Bus nach Komta möglichst weit nach vorne. Dadurch blieben unsere Mägen samt Inhalt stabil, wir konnten die wirklich schöne Dschungellandschaft genießen und wurden Zeugen von einigen Fahrmanövern, die Zweifel daran ließen, ob der Fahrer wirklich zufrieden mit seinem Leben ist. In Komta gab es neue Informationen über Zugverbindungen, die zu neuen Abwägungen unsererseits führten und schließlich zu der Entscheidung, hoch nach Karwar zu fahren – wobei wir Gokarna passierten – und dort auf ein Ticket für den Zug nach Kochi in der Sleeper Class zu hoffen, um nicht 12 Stunden eingequetscht zwischen Hühnern und Menschen mit offener Tuberkulose zu verbringen. Überraschenderweise erfüllte sich unser Wunsch und jetzt warten wir mit diesem Ticket auf den Nachtzug nach Kochi. Es ist bemerkenswert, wie viel Wert man einem so kleinen Stück Papier beimessen kann. Bleibt nur noch zu hoffen, dass die Verspätung bei unter einer Stunde bleibt.“

Nachtrag: Der Zug war eine Stunde und vierzig Minuten verspätet.

 


 

ENGLISH VERSION

Exzerpt from the travel diary:

“We’re sitting in a little restaurant in the train station of Karwar. Actually we were playing a card game, but then we were told to stop it, because a police officer was about to come into the room and apparently gambling is illegal. Of course, we were just playing for fun, without any money involved. But they didn’t seem like they would know this concept. How we got here in the first place is the result of a couple of unlucky and a slightly stupid events.

Yesterday we were still in Gokarna. In the morning we said goodbye to Daan and Tom and then walked with Clement and Piotr to Half Moon Beach and further to Paradise Beach. The latter, a tiny isolated cove, has been a popular place for small semi-public parties that included a lot of drugs. Today, you can only still see the graffiti-covered ruins of the buildings that were destroyed by the government and signs, which inform about the prohibition of staying here. The palm trees and a lot of the rocks are colourfully painted, too. You can still picture how it must have been here – and you would love to have been part of it. Apart from us there were only some farmers and their goats, who worked to make the small area between the sea and the mountain cultivable and played card games with us (the farmers, not the goats), even though they didn‘t speak any English. The rest of the day we spent going swimming, playing Kendama, doing Yoga (or tried to) and playing more card games in Dolphins Café, until at sunset we went off to Gokarna Town to take our night bus to Mysuru. Only at the tuktuk parking spot I looked at the ticket and noticed that the bus had departed already at 5 pm, and not, as we both had been thinking, at 9:30 pm. The fact that we never before had looked at the ticket closely to check the time, seems even more dumb when one bears in mind that we had spent the whole day before with Daan and Tom swimming in the sea, playing Monopoly, reading, eating a lot (which occupied probably the biggest part of the day) and choosing the next meal for the Dolphins’ kitchen staff to cook for us. A truly great day! Thus, we rushed from the point where our tuktuk stopped working to the office where we had bought the ticket, hoping to find a solution for this issue or to even find out that there is only a wrong departure time written on the ticket. Both did not come true, as the shop was already closed. So we immediately hurried to look for another ticket office – we still wanted to travel on, after all. In a shop that in addition to tickets also sold garlic shampoo and distilled cow urine we were successful. The really nice salesperson did not only get us a ticket to Bengaluru, he also managed to replace it for the unused one, since it coincidentally was the same company. Thus, we only had to pay the price difference. Something you would probably least expect in a country like India, and so we haven’t even considered asking for it. With his persuasiveness the guy had definitely earned himself a tip.

But now the real adventure would only just begin. We ran to the bus stop – on the way I quickly left 2 books plus 50 rupees at my favourite book store and took another, amazing deal! – and got on just before departure. By the time we climbed up onto the double bed we were already on the road. The driver was extremely speeding through the serpentines into the jungle to such an extent that after two hours I had to get rid of the Masala Dosa plus Chapati, which Doro had got from a Restaurant shortly before departure, out of the window. It was of no help that the 10 or so years old bus driver assistant had self-confidently promised us: “You will not have any problems”, when he had stored our luggage earlier. At the point when Doro was about to follow my line, we decided to get off at the next stop, instead of spreading more stomach acid over South India’s roads for the following 11 hours. In Sirsi we got dropped off next to a hotel. Here, the very professional appearance of the 10-years-old got a small crack when he couldn’t get the heavy backpacks out of the bus on his own. It visibly annoyed him.

Unfortunately, all the Hotels in the area were full, so that we found ourselves at 11 pm walking through a city that is completely untouched by international tourism, looking out for people who look nice enough to ask them for a couch for one night. At an empty intersection we met a friendly young pair of siblings that was eager to somehow help us. A few minutes later, their father was coincidentally (?) passing by and he and his son took us on their motorbikes to different guest houses, that were all either full or closed. When we were already seriously considering to spend the night at some shop’s entrance, one hostel was suddenly opening its door, after all, and we got a nice room with real mattresses on the bed and a shower with unsalted water – two luxuries that we didn’t have had the pleasure to use for a week.

The next day we had two questions to answer: What should be our next destination? And where the hell are we even? The latter was easy to answer with just a glance at a map. But the former was pretty hard; Where there are no travellers, there is no travel office. And where there is no travel office, it is difficult to get informations about trains and buses.

After a long search we finally found someone who could provide us with some useful knowledge and because we haven’t had a lot of luck with our past bus journeys in India, we decided to just drive to the next town that has access to the railway network and see what is possible from there. Which place we wanted to go to in the end was still undecided. So we picked up our backpacks, got on the bus and took the seats in the front row. Like this our stomachs plus content stayed solid, we could enjoy the stunningly beautiful jungle scenery and became witnesses of some driving manoeuvres that raised questions about the satisfaction of the driver with his life. In Komta we got new informations about train connections which led to new considerations by us and finally resulted in the decision to travel up to Karwar – during what we would pass Gokarna – and hope to get a ticket from there to Kochi in sleeper class, to not end up spending 12 sweaty hours sandwiched between chicken and people with active tuberculosis. Surprisingly, our wish got satisfied and now we are waiting for the night train to Kochi. It is remarkable, which value such a small piece of paper can get. All that remains is to hope that the delay will stay under one hour.”

Appx: The train was 1 hour and 40 minutes late.

 

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